Dr. Klaus Wiener

Rede vor der schlesischen Landsmannschaft

Verehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, zu diesem stolzen Jubiläum zu Ihnen sprechen zu dürfen!

Schlesien, das ist nicht nur ein geographischer Ort, das ist eine ganz eigene Sprache, das ist ein Gefühl – ein Lebensgefühl!

Und wer sich fragt, wofür die Landsmannschaft Schlesien steht, der findet genau darin eine wesentliche Antwort: Die Bewahrung dieses einzigartigen Lebensgefühls, dieser ganz eigenen Kultur, mit ihren vielen charmanten Facetten:

Typisch schlesisch? Na, manchmal ein bisschen laut, ausgelassen, aufgeschlossen – und vor allem herzlich! Das fröhliche, aufbrausende Lachen, die Offenheit, die Geselligkeit, die ausgeprägte Feier-Mentalität, die Kinderfreundlichkeit, das liebevolle Fluchen, die Kochkunst – und bei alledem eine ganz besondere Menschlichkeit.

Sich all das zu bewahren, das war und ist nicht selbstverständlich. Denn bei allem, was ich eben beschrieben habe, ist die gemeinsame Klammer natürlich zunächst einmal die gemeinsame heimatliche Region. Doch die ist für Millionen von Menschen eine verlorene Heimat. Und so, wie es sicherlich den meisten von Ihnen und Ihren Familien erging, erging es auch der Familie meines Vaters. Ich glaube, ihr Schicksal steht beispielhaft für das unzähliger Familien:

Mein Vater war gerade zwölf Jahre alt, als seine Familie 1946 aus Schömberg im Kreis Landeshut vertrieben wurde. Ich rede viel mit ihm über diese Zeit, und dieses Thema ist für ihn auch heute noch mit sehr vielen Emotionen besetzt. Deshalb weiß ich nur zu gut, wie einschneidend eine solche Erfahrung für Menschen ist. Meine Großeltern konnte ich leider nicht mehr kennenlernen, aber nach allem, was ich weiß, sind sie nie über den Verlust ihrer Heimat hinweggekommen.

Dazu muss man bemerken: Es gab ganz vielfältige Widrigkeiten, denen die Vertriebenen ausgesetzt waren, und sie begannen nicht erst mit der Vertreibung und endeten oft auch nicht damit: Zuerst durften sie ihre eigene Sprache nicht mehr auf der Straße sprechen. Dann verloren sie ihr Zuhause, samt Hab und Gut. Sie mussten ins Ungewisse starten, wussten nicht, wo sie hinkamen. Und in der neuen Umgebung wurden sie nicht selten zunächst einmal kritisch empfangen, herablassend behandelt oder sogar beschimpft. Sie haben eine hohe Rechnung bezahlt für den Krieg. Und diese Rechnung war ungleich höher als die der Deutschen, die das Schicksal der Vertreibung nicht erleiden mussten.

Und dann gibt es noch eines, was es ihnen zusätzlich besonders schwer gemacht hat – bis heute: Im kollektiven Bewusstsein ist ihr Schicksal viel zu oft unsichtbar geblieben. Sie durften häufig nicht einmal darüber sprechen. Und wenn, dann war das Verständnis für das, was sie durchlitten hatten, oftmals nicht sehr ausgeprägt. Ihre Vertreibung blieb weitgehend ungesehenes Unrecht.

Und ich weiß von meinem Vater, meinen beiden Tanten oder meinem Onkel was das mit Menschen macht, wenn ihnen ein Unrecht widerfährt, das allgemein nicht als solches betrachtet wird: Es wird ihnen genommen, es auch als solches zu empfinden. Und so, wie geteiltes Leid halbes Leid ist, wird ungesehenes Leid zu doppeltem Leid.

Wir haben in Deutschland zurecht eine lebendige Erinnerungskultur. Deutschland hat mit dem zweiten Weltkrieg und insbesondere mit dem Völkermord eine große Schuld auf sich geladen, die beispiellos in der Geschichte der Menschheit ist. Damit ist ganz klar: Wir haben mit unserer Geschichte eine besondere Verantwortung. Doch auch die Vertreibung der Schlesier war ein Unrecht, das nicht vergessen werden darf. Und auch deshalb sind wir heute hier!

Doch lassen Sie mich auch das sagen: Trotz dieser leidvollen Erfahrung war und ist die Geschichte der Schlesier bis heute keine Geschichte des Selbstmitleids oder gar der Resignation. Ganz im Gegenteil. Es ist eine Erfolgsgeschichte! Sie haben ihre neue Situation aktiv angenommen, auch wenn die Startbedingungen wegen der Kriegswirren schwierig waren. Für die Älteren: Der völlige Verlust von Hab und Gut. Für die Jüngeren: Eine oftmals lückenhafte Schulbildung. Sie haben gleichwohl angepackt und sich in ganz unterschiedlichen neuen Umgebungen auf ganz beispielhafte Weise eingefunden. Sie leben klassische Werte und Tugenden, von denen man zunehmend das Gefühl hat, das sie verloren gehen: Familie, eigenes Heim, Gemeinschaftssinn, Fleiß, Wert der Arbeit, Eigenverantwortung.

Mein besonderer Dank gilt daher den zahlreichen Vertriebenen, die ihr schweres Schicksal eindrucksvoll gemeistert haben: Nach dem Verlust ihrer Heimat haben sie hier sehr aktiv zum Aufbau einer gemeinsamen Gesellschaft wie auch zum Wiederaufbau unseres Landes beigetragen. Sie haben eine neue Heimat gefunden und mitgeprägt – und dabei ihre alte Heimat im Herzen bewahrt. Und sie leben dabei die Aufschrift dieses Hauses, in dem wir uns gerade befinden: Der alten Heimat zum Gedenken, der neuen Heimat zum Dank!

Und danken möchte ich auch der Landsmannschaft Schlesien für ihr Jahrzehnte währendes unermüdliches Engagement! 70 Jahre sind tatsächlich bereits eine lange Zeit. Umso mehr geht es darum, den Blick auch nach vorne zu richten: Wie bekommen wir die Erinnerungen lebendig gehalten für kommende Generationen? Wie kriegen wir sie transportiert? Wie schaffen und verankern wir ein besonderes Bewusstsein?

Mir persönlich haben mehrere Reisen gemeinsam mit meinem Vater in seine alte Heimat geholfen. Wir waren dort in kleiner Gruppe, aber auch mit der ganzen Familie. Meine Mutter, die in Westdeutschland aufgewachsen ist, war sogar sieben Mal mit ihrem Mann vor Ort. Das war für das gegenseitige Verstehen sehr wichtig. Auf einer der Reisen waren sogar die Enkelkinder dabei. Das hat meinen Vater besonders stolz gemacht.  

Lassen Sie uns die Erinnerung wachhalten und dies als gemeinsame Aufgabe verstehen – als Auftrag mitzuhelfen, dass es zu Flucht und Vertreibung gar nicht erst kommt, und da, wo es doch passiert, es zumindest als Unrecht zu benennen. Die dramatischen Ereignisse in der Ukraine zeigen leider, dass dieses Thema ungebrochen aktuell bleibt.

Aber auch landespolitische Entscheidungen, wie die jüngst von Polens Parlament verabschiedete Maßnahme, die Mittel für den Sprachunterricht der deutschen Minderheit zu kürzen, zeigen die Notwendigkeit eines wachsamen Auges. Als Mitglied der AG Flucht, Vertreibung und deutsche Minderheiten setze ich mich dafür ein, solche Entwicklungen zu thematisieren und Kritik daran an die richtigen Stellen zu adressieren.

Und dabei setze ich auch weiterhin auf Ihre Unterstützung, so wie Sie sie bereits seit 70 Jahren in vorbildlicher Weise leisten: Als organisierter Teil aller Schlesier, der Ihre Geschichte und Kultur nachvollziehbar und sichtbar macht, der Brücken baut und auch in schwierigen Zeiten wie diesen Kanäle offenhält. Und nicht zuletzt: Der Schlesien lebendig hält – auch in der Ferne.

Vielen Dank!